Jugendhilfeeinrichtung Trainingscamp Lothar Kannenberg
Knast oder Camp? – Jugendliche treffen die Entscheidung ihres Lebens
Er züchtet keine Schläger heran, sondern bringt Boxer hervor. Das hat Lothar Kannenberg bewiesen. Referenzen sind Namen wie Arthur Abraham, IBF-Weltmeister im Mittelgewicht sowie Alexander Mezker, südwestdeutscher Meister im Mittelgewichtsboxen sowie Drittplazierter bei den Deutschen Meisterschaften. Sie kämpften sich unter der Leitung Kannenbergs an die Spitze.
Kontakt & Infos:
www.durchboxen.de
Trainingscamp Lothar Kannenberg
Zur Helle 20
34474 Diemelstadt-Rhoden
Tel.: 05694/99120-0
Lothar Kannenberg, Gründer und Leiter
E-Mail: info@durchboxen.de
Im Trainingscamp Lothar Kannenberg sind sie Vorbilder für die 20 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, deren Lebenslauf sich wie ein Kriminalroman liest: Drogenkonsum, Gewalt und Diebstahl. Die Straftatbestände umfassen fast alles, außer Mord. Das Gefängnis ist in vielen Fällen die Alternative zum Trainingscamp. Jugendämter, Gerichte und die Eltern schicken die Jungs ins Camp, um sie von Gewalt und Drogen weg zu bekommen. Vorige Stationen waren nicht selten Heime oder Psychiatrien.
Respekt – Die Begegnung mit dir selbst
Das Konzept Kannenberg hat zum Ziel, den Jugendlichen Respekt vor sich selbst und anderen Menschen beizubringen. Über einen Zeitraum von sechs Monaten lernen die Jugendlichen im Trainingscamp die Bedeutung von Regeln, Disziplin, Motivation, kontrolliertem Aggressionsabbau und einem geregelten Tagesablauf. Vermittelt wird der Lehrstoff von diplomierten Sozialpädagogen, Therapeuten und Erziehern. Zum Trainerstab gehören ausgebildete Respekttrainer, lizenzierte Boxtrainer, Fitnesstrainer sowie ein Mountainbike-Guide. Einige Respekttrainer haben eine ähnliche, straffällige Vergangenheit wie ihre Schützlinge. Sie werden von den Jugendlichen respektiert, weil sie ein Leben voller Gewalt und Drogen bereits hinter sich gelassen haben. Sie haben es geschafft, während sich die Jugendlichen unter dem Leitspruch „wir schaffen es“ noch dem Trainingscamp-Alltag stellen müssen. Dieser besteht neben dem Sport unter anderem aus verschiedenen Arbeitsprojekten, Zimmerputz und Küchendienst. Von 5:55 Uhr bis 22:30 Uhr stehen die Jugendlichen auf den Beinen. Der Tagesablauf unterscheidet sich vollständig von dem der amerikanischen Bootcamps, in denen die Jugendlichen erst gebrochen und dann wieder aufgebaut werden.
Das Konzept der Bootcamps beinhaltet körperliche Torturen sowie Erniedrigungen. Im Trainingscamp hingegen wird niemand gedemütigt. Die Jugendlichen trainieren, sich gegenseitig zu respektieren. Dennoch werden sie im Trainingscamp an ihre physischen Grenzen gebracht, damit sie ihr Selbstbewusstsein stärken und kriminelle Energien bereits im Vorfeld abbauen. Bei dieser Erziehung durch Sport gelten strenge Regeln. Verstöße werden mit Straftraining geahndet. Häufig muss die ganze Gruppe aufgrund des Fehlverhaltens eines Einzelnen das Straftraining absolvieren.
Drei Trainingseinheiten stehen regulär auf der Tagesordnung. Sie sind neben dem Boxtraining variabel und bestehen aus Krafttraining, Laufen, Gymnastik, Basketball, Volleyball, Fußball, Schwimmen, Orientierungsläufen, Überlebenstraining und Zirkeltraining.
Box dich durchs Leben
Das Boxen, als Trainingsschwerpunkt, soll die Jugendlichen bei der Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Beim Boxen müssen die Jugendlichen Regeln einhalten und ihre Gegner fair behandeln. Sie lernen an sich zu arbeiten, um besser zu werden. Weiterhin wird ihnen beigebracht, sich zu kontrollieren. Denn Grundlage einer guten Boxleistung ist kontrolliertes und überlegtes Kämpfen. Im Gegensatz zu ihren bisherigen Erfahrungen bekommen die Jugendlichen nach einem Boxkampf Anerkennung und Beifall, egal ob sie als Sieger oder Verlierer aus dem Ring steigen.
Außerhalb des Boxrings lernen die Jugendlichen ihre Stärke auf andere Weise zu nutzen. Nämlich dazu, andere aufzubauen. So übernehmen sie ab dem vierten Monat Aufenthalt im Camp die Patenschaft für Neuankömmlinge. Die Paten müssen den Neuankömmlingen die Regeln des Trainingscamps erklären und auf sie aufpassen. Als „Ziehvater“ achtet Kannenberg darauf, dass alle Jugendlichen die Regeln des Trainingscamps einhalten. Dies tut er nicht nur mit Härte, sondern auch mit Herz. Oft lernen die Jugendlichen hier das erste Mal in ihrem Leben was Liebe, Wärme und Geborgenheit bedeuten. Bei seiner Arbeit mit den Jungs vertraut Kannenberg seiner Intuition und dem, was er aus seinem eigenen Leben gelernt hat. Denn ähnliche Erfahrungen verbinden ihn und einige Respekttrainer mit den Jugendlichen. Auch für die Zeit nach dem Camp sorgt Kannenberg vor, indem er den Jugendlichen bei der Ausbildungsplatz- und Wohnungssuche hilft. 20 Prozent der Jugendlichen landen erneut bei den Drogen und der Gewalt. 80 Prozent der Jugendlichen bekommen ihr Leben wieder in den Griff. Eine Erfolgsquote, die in 2005 der Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Verleihung der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland mit folgenden Worten würdigte:
Sie schenken Jugendlichen Vertrauen, die von anderen oft nicht mehr erreicht, ja sogar aufgegeben werden
Bundespräsident Horst Köhler
Gleichgültig, ob andere sie aufgegeben haben oder nicht: Im Trainingscamp lernen die Jugendlichen ihrer eigenen Kraft zu vertrauen. Aufgeben gilt im Trainingscamp Lothar Kannenberg nicht. Durchboxen heißt hier die Devise.
Infos zum Camp:
Das Trainingscamp liegt 3,5 km von Rhoden entfernt am Waldrand. Es umfasst einen Außenbereich von 13.500 qm und besteht aus neun Häusern, einem Küchen- und Essenssaal, einem Aufenthaltsgebäude, zwei Schlafhäusern, einem Schul- und Bürogebäude, einer Box- und Sporthall, einer Schreinerwerkstatt, einem Schlaf- und Wohnhaus für Mitarbeiter und verschiedenen Nebengebäuden. Einzigartig in Deutschland ist die Bauweise als Blockhausensemble Dorfcharakter.
Lebenslauf Lothar Kannenberg
1976 Abgeschlossene Ausbildung als Fleischergeselle
1978 Ableistung des Wehrdienstes
1980 sechsmonatige Alkoholtherapie
1983 Heirat
1985 Kind (Tochter)
1986 Beginn der Boxkarriere
1990 Hessenmeister, 1. Bundesligaboxer
1991 Karriereende
1992 Beginn der Drogenkarriere (Nachtleben, Türsteher, mehrere Psychiatrieaufenthalte)
1996 Krebsoperation
1996 zehnmonatige Drogenentziehungstherapie
1997 Wohnortwechsel nach Kassel
1998 Honorarkraft als Streetworker für die Stadt Kassel Stadtteil Philippinenhof
1999 Gründung und Aufbau der Jugendsozialprojekts Boxcamp Philippinenhof Kassel
2004 Gründung des Vereins Durchboxen im Leben e.V. und der Jugendhilfeeinrichtung Trainingscamp Lothar Kannenberg
Text: Susanne Schmeck
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